Schlangen gedeihen ohne das „Hungerhormon“: Ein genetisches Rätsel

7

Schlangen können längere Zeit ohne Nahrung überleben – Wochen, sogar Monate. Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass diese bemerkenswerte Fähigkeit mit einem überraschenden Fehlen in ihrer genetischen Ausstattung zusammenhängt: Ihnen fehlt das Gen für Ghrelin, das Hormon, das allgemein als „Hungerhormon“ bekannt ist. Diese Entdeckung wirft grundlegende Fragen darüber auf, wie Reptilien Stoffwechsel und Appetit regulieren und welche Auswirkungen dies auf das Verständnis menschlicher Stoffwechselstörungen haben könnte.

Das fehlende Hormon und unerwartete Muster

Die Forscher Rui Pinto und Kollegen analysierten die Genome von 112 Reptilienarten und stellten fest, dass 32 Schlangenarten das Ghrelin-Gen und das Gen für das Enzym, das zu seiner Aktivierung erforderlich ist, vollständig fehlen. Dieses Fehlen war unerwartet, da Ghrelin auch in anderen Reptilien vorhanden ist, die zu langem Fasten fähig sind. Noch rätselhafter ist, dass einigen regelmäßig fressenden Chamäleons und Eidechsen diese Gene ebenfalls fehlen, während Krokodile – die in der Lage sind, über ein Jahr ohne Nahrung zu überleben – sie noch besitzen.

Diese Inkonsistenz deutet darauf hin, dass die Rolle von Ghrelin möglicherweise weitaus komplexer ist als nur das Auslösen von Hunger. Studien an Säugetieren zeigen, dass der Ghrelinspiegel nach einer Mahlzeit tatsächlich ansteigt, was die Vorstellung in Frage stellt, dass seine Hauptfunktion darin besteht, den Appetit anzuregen.

Stoffwechsel, nicht nur Hunger?

Pinto vermutet, dass das Fehlen von Ghrelin bei Schlangen möglicherweise eher mit ihren einzigartigen Stoffwechselprozessen als mit ihrem Hunger zusammenhängt. Ghrelin ist mit der Fettspeicherung und der Insulinreaktion verbunden, aber der Stoffwechsel von Schlangen könnte so unterschiedlich sein, dass sie das Hormon nicht benötigen. Andere Experten warnen davor, die Bedeutung von Ghrelin zu überbewerten, und betonen, dass es nur ein Teil eines größeren Puzzles sei.

Was kommt als nächstes?

Weitere Forschung ist erforderlich, um die Rolle von Ghrelin bei Reptilien und anderen Tieren vollständig zu verstehen. Wissenschaftler planen Experimente, um herauszufinden, was passiert, wenn das Ghrelin-Gen bei Krokodilen gelöscht oder in Schlangen eingeführt wird. Diese Studien könnten nicht nur Aufschluss über die Physiologie von Reptilien, sondern auch über Stoffwechselstörungen des Menschen wie Diabetes und Fettleibigkeit geben.

„Ich denke, es werden noch viele weitere coole Geschichten dabei herauskommen“, bemerkt Todd Castoe, ein Evolutionsgenetiker an der University of Texas in Arlington.

Diese Entdeckung unterstreicht, wie viel Unbekanntes über die grundlegenden Mechanismen bleibt, die Appetit und Stoffwechsel steuern. Die Überlebensstrategien von Schlangen und anderen Reptilien könnten wertvolle Hinweise zur Lösung dieser Geheimnisse liefern.